Ernte 2018

Sehr geehrte Mitglieder,

die Hitze und Trockenheit treibt den Abschluss der deutschen Weizen- und Roggenernte 2018 rasch voran. Doch viel ist es nicht, was in manchen deutschen Regionen vom Feld geholt werden kann.

Besonders die nord- und nordostdeutschen Gebiete hatten unter den Wetterkapriolen stark zu leiden. Deutliche Ertragseinbußen bis hin zu kompletten Ernteausfällen sind die Folge. Aber auch in den südlicheren Regionen Deutschlands waren die Witterungsbedingungen alles andere als optimal für einen gedeihlichen und reichlichen Aufwuchs.

Das Ergebnis: Heterogene Getreidequalitäten und spürbar geringere Erntemengen in Deutschland und Nordeuropa, gefolgt von einem Kursfeuerwerk an den internationalen Warenterminmärkten und Warenbörsen. Binnen Monatsfrist stiegen dort die Weizenkurse bislang um über 35 €/t an und ein weiterer Kursanstieg wird nicht ausgeschlossen. So wundert es nicht, dass an den Getreidemärkten Käufer und Verkäufer noch nicht so recht zueinander finden wollen und die Getreidemärkte vielfach von den Marktteilnehmern wie gelähmt mit Argusaugen beobachtet werden.

Während in der Landwirtschaft der Ruf nach staatlichen Hilfen in Milliardenhöhe für existenziell notleidende Betriebe bereits laut wird, hat die übrige Getreidewertschöpfungskette bestehend aus Getreidehändlern, Müllern und Bäckern mit der neuen Getreideversorgungslage in puncto Menge und Qualität auch ohne staatliche Hilfen klar zu kommen, denn eine marktberuhigende Intervention wurde schon vor Jahren abgeschafft. Für die Mühlen bedeutet die neue Erntesituation deshalb deutlich höhere Getreideeinstandspreise, mehr Risiko bei Vorverträgen mit Landwirten, Getreidehändlern und Bäckern, aber auch mehr Aufwand im Getreideeinkauf, in der Qualitätssteuerung und in der Getreideerfassung.

Das Wichtigste ist nun in der Mühlenwirtschaft eine Risikobeurteilung und Folgenabschätzung der neuen Getreideversorgungslage für den eigenen Betrieb vorzunehmen. Welche Verkaufskontrakte müssen noch bedient werden? Welche Auswirkungen sind auf die Mühlenabgabepreise bei Mehl und Kleie zu erwarten? Welche Mengen und Qualitätsversorgungslage stellt sich aus der Ernte heraus für den eigenen Mühlenbetrieb ein? Und nicht zuletzt, wie reduziert man das Bestandsrisiko und stellt bis zum Schluss der Getreidekampagne genügend „working capital“ zur Bestands- und Forderungsfinanzierung bereit? Das alles sind Fragen, die ihren Niederschlag bei unseren Kunden finden müssen.

Während in der Landwirtschaft jedes Getreidekorn nur einmal geerntet und vermarktet werden kann, hat die übrige Getreidewertschöpfungskette – wenn sie nicht vertraglich gebunden ist - die Möglichkeit die neue Marktsituation weiterzureichen. Aus der Erfahrung der letzten Jahre lässt sich ableiten, dass knapp versorgte Getreidemärkte für die Wertschöpfungskette nicht zwingend negativ sein müssen. So schaffen hohe Getreidepreise Anreize in der Landwirtschaft, die Wertschätzung gegenüber unseren Produkten ist in knapp versorgten Märkten tendenziell höher und die natürliche und erntegegebene Einschränkung eines bislang ubiquitär geglaubten Angebots verschiebt die Marktmachtverhältnisse tendenziell wieder zurück zu uns Verkäufern.

Ein Gastkommentar von
Dr. Josef Rampl
Geschäftsführer des Bayrischen Müllerbundes e.V.

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